Lerntechniken

Die 10 effektivsten Lerntechniken

Unsere moderne Welt spezialisiert sich fortschreitend und fordert von uns mit jedem Tag steigende Gedächtnisleistungen. Immer mehr Informationen beherrschen unseren Kopf. Dabei wird es immer schwieriger, sich auf die wesentlichen Inhalte zu konzentrieren und wichtige Informationen zu behalten. Besonders bei Schulungen, Weiterbildungen oder im Studium müssen wir unzählige Informationen bewerten, sortieren, einordnen und für die Zukunft abspeichern. Dabei helfen uns verschiedenste Lerntechniken, die auf die individuellen Lernanforderungen zurecht geschnitten sind.

Vergessenskurve

Unser größter Feind ist das Vergessen. Vor über 100 Jahren stellte Prof. Ebbinghaus die Vergessenskurve auf, die erschreckend übersichtlich visualisiert, was wir eigentlich schon lange wussten. Nach nur wenigen Minuten ist ein Großteil des gelernten Stoffes bereits vergessen.

Vergessenskurve nach Ebbinghaus 1885Quelle: https://www.neuronation.de/gedaechtnistraining/vergessenskurve 

Schnell erkennt man, dass ein Drittel des Lehrstoffes bereits nach 15 Minuten ins geistliche Jenseits befördert worden ist. Nach circa einer halben Stunden wissen wir gar nur noch die Hälfte. Nach einem Tag nur noch ein Drittel und dauerhaft bleiben uns nur etwa 10-15% erhalten. Ernüchternd.

Binge-Lernen

Jetzt erscheint es auch einleuchtender, warum sogenanntes Binge- oder Bulimie-Lernen, also das exzessive Lernen innerhalb eines kurzen Zeitabschnittes (z.B: acht Stunden hintereinander), nicht effektiv sein kann. Einerseits ist unser Gehirn nach wenigen Stunden höchster Konzentration erschöpft und nimmt neue Informationen immer schlechter auf. Andererseits sorgt unser Vergessen dafür, dass wir am nächsten Tag – zur Klausur oder Prüfung – vom aufgenommenen Lehrstoff nur noch einen Bruchteil abrufen können. Langfristig ist der Effekt gar noch drastischer.

Wer nicht ständig das Gelernte wiederholt, wird langfristig fast gar nichts davon behalten. Somit wäre vor Prüfungen wieder ein extremes Lernpensum durchzuarbeiten und somit die Überlastung des Gehirns und ein wahrscheinlich unvorteilhaftes Ergebnis in der Prüfung abzusehen. Stattdessen müssen wir Präventivmaßnahmen ergreifen und diese sind unsere Lerntechniken.

Lerntechniken

Nun gibt es viele verschiedene Lernmethoden, bei denen man schnell den Überblick verlieren kann. Ich habe daher für euch die erfolgreichsten Methoden zusammen gestellt, die für das Abitur und auch ein späteres Studium ausreichend sind.

Visualisierung

Die beliebtesten Lernmethoden bauen auf die Visualisierung des Lehrstoffes auf, weil die Mehrheit der Lernenden den Stoff am besten über Verbildlichungen aufnimmt. Allerdings sind diesen Methoden oft Grenzen gesetzt, besonders wenn es um abstrakte Inhalte geht.

Mind-Mapping

Erstellung einer Mind-MapInzwischen ein Klassiker, aber das aus gutem Grund. Mit Mind-Maps lassen sich Informationen übersichtlich darstellen und auf die nötigsten Inhalte reduzieren. Durch den Einsatz von Farben und kleinen Bildern wird der Stoff wesentlich besser erreichbar. Zusätzlich kann der Einsatz von Mind-Maps die Geschwindigkeit des Vergessens leicht vermindern, erwartet aber keine Wunder.

Als visueller Mensch greife ich seit Jahren auf Mind-Maps zurück, da ich so wesentlich leichter einen Überblick über den Inhalt eines Themas erlange, als mit Listen oder Texten.

Aufwand: gering bis mittel
Effektivität: mittel

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Die besten Programme zum Erstellen von Mind-Maps

Listen

Liste schreibenListen sind quasi Mind-Maps in Rohform. Hier verzichtet man auf die Vorzüge von Mind Maps, die besonders in einer sehr übersichtlichen Anordnung der Elemente sowie den Gestaltungsmöglichkeiten liegen. Stattdessen ordnet man lediglich die Notizen hierarchisch an und bringt somit Struktur in das Gelernte. Dies geht zwar wesentlich schneller, ist aber auch langweiliger für das Auge und somit weniger effektiv.

Aufwand: sehr gering
Effektivität: gering

Loci-Methode

Wegweiser in den AlpenJetzt wird es etwas komplizierter. Bei der Loci-Methode nutzt man sein direktes Umfeld, um Gegenstände mit den Lerninhalten zu verknüpfen.  Zunächst müsst ihr euch ein Route mit Objekten erstellen, die ihr in gleicher Form immer wieder ablaufen könnt (z.B. euer Zimmer oder eure Wohnung). Anschließend „legt“ ihr eure Informationen gedanklich an den entsprechenden Routenpunkte ab. Wer Schwierigkeiten hat, sich die Routen zu merken, kann zunächst auch kleine Notizzettel an die entsprechenden Objekte kleben. Wichtig ist nur, dass ihr die Route sofort gedanklich abrufen könnt, wenn ihr an die Informationen kommen möchtet.

Aufwand: mittel
Effektivität: mittel

Gedächtnispalast

Der GedächtnispalastBei dieser Lerntechnik werden mehrere Loci-Pfade verknüpft. Im Gegensatz zur Loci-Methode baut man sich die Umgebung selber gedanklich zusammen und greift nicht auf die reale Umgebung zurück. Es ist daher ein hohes Maß an Kreativität notwendig, damit der Stoff auch dauerhaft sitzen bleibt. Ihr könnt z.B. eine kleine Stadt aufbauen, die ihr nach und nach um neue Häuser mit passendem Lernstoff erweitern. Achtet jedoch stets darauf, dass sich diese Häuser (oder auch Räume) visuell drastisch unterscheiden.

Versucht möglichst viele Details einzubringen, die möglichst witzig, unerwartet, grotesk und sexuell sind. Ist die Umgebung gestaltet könnt ihr wie schon bei der Loci-Methode einen Pfad mit Objekten anlegen, bei dem ihr die Lerninhalte mit der Umgebung verknüpft.

Durch den hohen gestalterischen Aufwand ist der Gedächtnispalast einer der zeitintensivsten Lernmethoden und erfordert viel kreatives und visuelles Denkvermögen. Nur bei ständiger Wiederholung der Pfade, also wiederkehrendem Ablaufen der Routen, können die Informationen verinnerlicht werden. Tut man dies nicht, lösen sich die gedanklichen Städtewelten wieder in Luft auf und der betriebene Aufwand war nahezu nutzlos. Daher solltet ihr diese Methode nur für Lerninhalte anwenden, bei denen ihr andauernde Schwierigkeiten habt.

Aufwand: sehr hoch
Effektivität: mittel bis hoch (stark abhängig vom Detailreichtum der Umgebung)

Formulierung

Nicht jeder kann mit den visuellen Lernmethoden etwas anfangen. Deshalb gibt es abseits der bildlichen Vorstellungskraft weitere Lerntechniken, die auf textliche Fähigkeiten zurückgreifen.

Selbst erklären

komplizierte Sachverhalte erklärenStellt euch vor, ihr sitzt vor einer Kindergartengruppe und müsst die Polynomdivision erklären. OK, das ist vielleicht etwas extrem gedacht, aber stellt euch einfach vor, wie ihr den erlernten Stoff einer unwissenden Person erklären würdet. Dafür müsst ihr den Inhalt auf die wesentlichen Aspekte reduzieren und auf Fachbegriffe verzichten, wodurch auch bei euch das Gelernte leichter hängen bleibt.

Aufwand: gering
Effektivität: mittel

Geschichten

Schreiben an einer SchreibmaschineIhr findet Spaß am textlichen Gestalten? Dann sind vielleicht Geschichten was für euch. Man könnte es fast mit der oben erwähnten Loci-Methode vergleichen, nur auf Textbasis. Ihr erstellt euch hier ebenfalls einen Pfad, bloß ähnelt dieser mehr einer klassischen Erzählung und greift nicht zwangsweise auf bildliche Vorstellung zurück.  So lassen sich auch abstraktere Inhalte in lustige Erzählungen verpacken.

Aufwand: mittel bis hoch (je nach Detailgrad der Ausführungen)
Effektivität: mittel bis hoch (je nach Fähigkeiten bei der Texterstellung)

Texte erfassen mit SQ3R

Buch mit BrilleSQ3R heißt voll ausformuliert Survey, Question, Read, Recite, Review, also begutachten, hinterfragen, lesen, beantworten und zusammenfassen, mal ganz frei übersetzt. Mit dieser Methode fällt es wesentlich leichter, anspruchsvolle Lehrbücher und Texte durchzuarbeiten. Zur Erarbeitung des Inhalts greift man dazu auf die fünf oben genannten Punkte zurück.

Zuerst liest man sich das Inhaltsverzeichnis und die Überschriften durch und formuliert anschließend eigene Fragen aus, die man dem Text stellen möchte. Beim Lesen markiert ihr euch dann die Stellen, die diese Fragen beantworten. Danach beantwortet ihr eure Fragen, aber ohne abzulesen. Habt ihr diese Hürde genommen, fasst ihr das Gelernte kurz zusammen.

Die Methode ist sehr umfangreich und verleitet zum Vernachlässigen einiger Anforderungen, was wiederum die Effektivität negativ beeinflusst. Es mag verlockend sein, die Antworten direkt vom Text abzulesen, nur leider schädigt das auch euren Lernerfolg.

Aufwand: hoch
Effektivität: hoch

Langzeitlernen

All der Aufwand ist wertlos, wenn wir den Lernstoff nicht ständig wiederholen und auffrischen. Deshalb müssen wir frühzeitig Gedanken an die Zukunft „verschwenden“, um es später einfacher zu haben.

Karteikarten / Anki

Lerntechnik Karteikarten mit Anki umsetzenDer Klassiker. Wahrscheinlich haben schon eure Eltern mit Karteikarten gearbeitet, um sich die Lerninhalte einzuprägen. Auch heute überzeugt die Methode durch die einfache Handhabung und ihrer vergleichsweise hohen Effektivität. Das Prinzip ist einfach: Auf die Vorderseite der Karte kommt eine einfache Frage, die ihr auf der Rückseite beantwortet und eventuell noch mit einigen Details oder Grafiken bereichert. Allein schon die Erstellung der Karten stellt einen nicht zu unterschätzenden Lerneffekt dar und sollte daher nicht vernachlässigt werden.

Das Ganze kommt dann in ein Boxensystem. Vorne bleiben die Karten, die ihr lernen müsst. Wird eine Karte erfolgreich beantwortet, wandert sie eine Box nach hinten (usw.). Diese zweite Box wird dann etwas seltener von euch geprüft. Sobald eine Karten aus den hinteren Boxen falsch beantwortet wird, wandert sie wieder in die vorderste.

Dank des Internets geht das inzwischen aber noch einfacher und besser, mit Anki. So unscheinbar die Seite auch scheint, dahinter verbirgt sich ein mächtiges Lernwerkzeug. In den Stapeln (die bei mir z.B. einfach die Namen der Fächer tragen) könnt ihr endlos Karten erstellen, mediale Inhalte wie Bilder und Audiodateien anfügen und diese mit dem Webserver synchronisieren. So habt ihr auf dem Smartphone, Laptop und Computer immer die gleichen Inhalte.

Zudem erinnert euch Anki automatisch daran, wann ihr eine Karte wieder lernen müsst. Kein nerviges Boxen sortieren, denn Anki präsentiert euch von alleine die jeweilige Karte, wenn ihr kurz vorm Vergessen seid. Inzwischen kann ich mir ein Lernalltag ohne diesen Helfer nicht mehr vorstellen. Besonders beim Lernen von Fremdsprachen hilft die Erweiterung um Mediendateien enorm.

Aufwand: gering bis mittel (je nach Gestaltungsaufwand der Karten)
Effektivität: hoch

Problemlösungen / Lückentext

Glühbirne auf TafelOft übersehen, weil aufwendig, aber trotzdem effektiv. Erstellt nach dem erfolgreichen Durcharbeiten eines Lerninhalts einige Lückentexte oder Problembeschreibungen, die ihr einige Zeit später durcharbeitet. So lernt ihr gleich doppelt: Einerseits bei der Erstellung, andererseits bei der Beantwortung.

Aufwand: mittel bis hoch (je nach Problemstellung)
Effektivität: mittel bis hoch (je nach Qualität eurer gestellten Aufgabe)

Verschachteltes Lernen

Gabelstaplerfahrer mit Palette

Viele von uns lernen linear, besonders diejenigen, die das Abitur per Fernstudium nachholen. Das wiederum bedeutet, dass wir den Stoff hintereinander abarbeiten und erst mit dem nächsten Themengebiet beginnen, wenn das vorherige abgeschlossen wurde. Dies beeinträchtigt langfristig unsere Fähigkeit, zwischen verschiedenen Aufgabenstellungen zu wechseln und umzudenken. Das wiederum macht uns schwerfälliger bei wechselnden Aufgaben und Problemstellungen. Probiert daher mal einen abwechslungsreichen persönlichen Lehrplan.

Aufwand: sehr gering
Effektivität: gering bis mittel

Schlussbetrachtung

Ich hoffe, ihr konntet einige interessante Ansätze aufgreifen, die ihr in euren Lernalltag integrieren wollt. Persönlich verlasse ich mich seit einiger Zeit auf die Methoden SQ3R, Mind-Maps, Anki und gelegentlich Loci. Seid gewarnt, dass auch hier immer wieder Wissenslücken auftreten und es die Lerntechniken keine Allheilmittel sind. Trotzdem fühle ich mich gut aufgestellt für zukünftige Herausforderungen und ich hoffe, euch geht es nach der Anwendung einiger vorgestellter Techniken auch so.

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